Die Geschichte des Wittener Bergbaus nach 1900

Schon vor der Jahrhundertwende zeichnete sich das Ende des Wittener Bergbaus ab. Gegenüber den im Norden des Ruhrgebiets entstandenen großen Tiefbauanlagen erwiesen sich viele der unter erschwerten Bedingungen (schlechtere Flözverhältnisse, große Wasserzuflüsse) arbeitenden südliche Zechen als unrentabel. Hinzu kam, daß sich die hier anstehenden Kohlesorten sich nicht zur Verkokung eigneten und einem schrumpfenden Absatzmarkt gegenüberstanden.

Bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts schlugen sich diese Probleme in Form der ersten Stillegungen im Wittener Bergbau nieder. Abgesehen von der Betriebseinstellung auf kleineren Stollenzechen wurden auch einst bedeutende Tiefbauanlagen aufgegeben: 1885 Vereinigte Louisenglück, 1892 Vereinigte Nachtigall.

Im Unterschied zu den Tiefbauanlagen, die bei Einstellung der Wasserhaltung absoffen und damit zerstört waren, blieben die Grubenbauten der Stollenzechen erhalten - was in späteren Jahren bedeutungsvoll werden sollte.

Für die Stillegung der Südrandzechen gewann um die Jahrhundertwende das Rheinisch - Westfälische - Kohlensyndikat an Bedeutung, dessen Verbandspolitik sogar zum Gegenstand einer Reichstagsdebatte wurde.

Um stabile Preise zu garantieren und Überproduktion zu vermeiden, hatte sich die Mehrheit der Ruhrgebietszechen zu einem Syndikat zusammengeschlossen. Jede Zeche erhielt eine bestimmte Förderquote, die nicht überschritten werden durfte. Die produktiven Großzechen des Nordens waren daher vielfach nicht voll ausgelastet und erhöhten ihre Förderquoten auf dem Umweg, daß sie die krankenden Betriebe des Ruhrtals aufkauften. Mit dem Eigentum fiel auch die Förderquote an die neuen Besitzer. Sie legten den krankenden Betrieb still und erfüllten die Quote mit der rentablen nördlichen Zeche. Auf diese Weise kam der Betrieb auf drei großen Wittener Zechen zum Erliegen: 1896 Helene Nachtigall, 1906 Bommerbänker Tiefbau und 1925 auf Hamburg und Franziska, die zwar schon 1904 aufgekauft worden war, wegen ihrer Rentabilität aber noch in Förderung gehalten wurde.

Die Mehrheit der entlassenen Bergarbeiter fand auf anderen Wittener Zechen oder in Wittener Industriebetrieben eine neue Anstellung. Viele wanderten zur nördlichen Bergbauregion ab.

Während des 1.Weltkrieges und in der Nachkriegszeit bestand große Nachfrage nach Steinkohle und deren Nebenprodukten. Alte Stollenzechen nahmen ihren Betrieb wieder auf, neue Kleinzechen entstanden, um nach kurzer Zeit dem Konjunkturrückgang und der Weltwirtschaftskrise zum Opfer zu fallen. In den 20er Jahren wurden in Witten fast 20 Betriebe geschlossen, abgesehen von Hamburg und Franziska überwiegend Kleinzechen mit geringer Belegschaftsstärke. 1928 kam mit Vereinigte Herrmann die letzte Tiefbauzeche Wittens zum Erliegen. Insgesamt wurden rund 4000 Bergleute entlassen, von denen der größere Teil jedoch - wie schon zuvor - anderweitig Beschäftigung fand.

Seither ist der Bergbau als Industriezweig Wittens völlig bedeutungslos. Zwar förderten in den 30er Jahren noch einige Stollenbetriebe im Muttental, darunter Cleverbank, Gideon, Jupiter, und Neuglück, deren Fördermenge aber mit rund 0,05% der Kohlenproduktion des Ruhrgebiets kaum ins Gewicht fiel. Im Rahmen der kriegsvorbereitenden Autarkiepolitik der Nationalsozialisten - jede Tonne Kohle zählte - spielten jedoch auch die Kleinzechen eine Rolle und steigerten ihre Produktion um ein Vielfaches.

Seine bisher letzte bedeutungsvolle Aufgabe hatte der Wittener Bergbau in den Nachkriegsjahren. Ehemalige Bergleute und Ortsansässige griffen zur Selbsthilfe und linderten die größte Not dadurch, daß sie - oft in der primitivsten Form des Kohlegrabens - Steinkohle förderten. Sie selbst verschafften sich ein kleines Einkommen, und die Bevölkerung hatte Brennmaterial. Besatzungsmacht und Bergamt unterbanden aber bald diesen ungenehmigten, oftmals gefährlichen Raubbau und leiteten gegen die Betroffenen Strafverfahren ein.

Seit etwa 1948 stand der Bergbau wieder unter der Kontrolle des Bergamtes. Weiter anhaltende Kohlenknappheit führte - wie schon nach dem 1. Weltkrieg - zur Aufnahme des Betriebes in alten Stollenzechen, deren Förderung ergänzt wurde durch den Betrieb vieler neuer Kleinzechen.

Der größte Teil der geförderten Kohle diente dem Bedarf der lokalen Industrie , die, um die Produktion nicht stillegen zu müssen, auch Wucherpreise bezahlte. Selbst aus Süddeutschland schickte man Lastwagen mit dem Auftrag, nicht ohne eine Ladung Kohlen zurückzukommen.

Mit Stabilisierung der Wirtschaft gingen die Kleinzechen wieder ein. Ende der 50er Jahre waren sie fast vollständig verschwunden und mit ihnen der Wittener Bergbau.

Die Bedeutung der Kleinzechen hatte nicht in der Fördermenge gelegen (ca. 1% der Gesamtförderung des Ruhrgebiets), sondern in ihrer Fähigkeit, Bedarfsspitzen zu glätten ohne den großen Investitionsaufwand, wie er auf Großzechen zur Steigerung der Produktion notwendig gewesen wäre, infolge von Kapitalmangel aber nicht möglich war.

Die Wittener Bergbautradition wurde "nachträglich" verlängert durch die Eingemeindung von Herbede 1975. Hier waren, länger als in Witten, noch zwei große Tiefbauanlagen in Betrieb: Klosterbusch bis 1962, Holland bis 1972. Als letzte Kohlengewinnungsstätte auf Wittener Gebiet stellte die Herbeder Kleinzeche Egbert 1976 ihre Produktion ein.
 

Quelle: Verkehrsverein Witten e.V.
Publikation: Bergbaurundweg Muttental 

Informationen des Verkehrsverein Witten e.V. über das  Muttental

Zurück zur Homepage der Arbeitsgemeinschaft Muttenthalbahn e.V.
 

Diese Seite wurde entworfen von: Hendrik Gerlach